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08.11.2021

Wien Energie und ARE planen ein klimaneutrales Grätzel im Wiener Zentrum

Die Energielösung für das Areal wurde von Anfang an mitgedacht.

Das Village im Dritten soll sich selbst mit Strom und Wärme versorgen. Die maßgeschneiderten Energielösungen lassen sich aber nur teilweise auf andere Viertel in Wien übertragen.

Die Energiewende ist ein Maßanzug. Diese Metapher stammt vom Chef der Wien Energie, Michael Strebl, und soll heißen: Die beste nachhaltige Energielösung für ein Stadtviertel hängt immer von den gegebenen Potenzialen vor Ort ab. Ob Photovoltaik geeignet ist, hängt etwa von den Dächern und Fassaden ab. Fernwärme erreicht nicht alle Haushalte im Stadtgebiet, mitunter ist Erdwärme die bessere Lösung. Einen solchen Maßanzug aus unterschiedlichen erneuerbaren Strom- und Wärmequellen schneidert Wien Energie jedenfalls für das Village im Dritten, ein rund elf Hektar großes Stadtentwicklungsgebiet im dritten Wiener Bezirk. Projektpartner ist die Austrian Real Estate (ARE), eine Tochter der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG). Entstehen soll das erste „Klimaschutzquartier“ Wiens, wie es Strebl nennt. Bis 2026 soll das Projekt, an dem auch der Wohnfonds Wien, die Stadt Wien und UBM Development beteiligt sind, fertig sein.

Das Gros der Energie wird dann vor Ort erzeugt. Wärme wird mit rund 500 Tiefsonden aus der Erde gezogen. Ein Energienetz entnimmt im Sommer überschüssige Wärme und speichert sie in den Tiefensonden für die kalte Saison. Der Rest der Wärme kommt aus dem Fernwärmenetz, das bis 2040 vollständig dekarbonisiert sein soll.

Emissionen im Gebäudesektor

Bei der Stromversorgung geschieht der Lastenausgleich nicht über die Jahreszeiten hinweg, sondern jeden Tag. Photovoltaikanlagen schauen auf Dächern und Fassaden in alle Himmelsrichtungen und ernten zu jeder Tageszeit die Sonne. Weil es im neuen Stadtviertel nicht nur 1900 Wohnungen, sondern auch 40.000 Quadratmeter Gewerbefläche und zwei Schulstandorte gibt, gleichen sich die Lastenprofile aus. Tagsüber brauchen Wohngebäude wenig Strom, nachts sind die Büros dunkel. Für die Optimierung der Anlagensteuerung sorgt das Tech-Startup Ampeers Energy, an dem sich die BIG jüngst beteiligt hat.

Für den BIG-Chef Hans-Peter Weiss zeigt das Projekt, wie der Gebäudesektor, der weltweit für 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, klimaneutral werden kann. Es sei nicht nur wichtig, Grünflächen und Verkehr mitzudenken – das Village etwa wird autofrei und bekommt einen rund zwei Hektar großen Park. Energieversorgung müsse man von Anfang an mitplanen.

Großes innerstädtisches Gebiet

Einzigartig an dem „letzten wirklich großen innerstädtischen Entwicklungsgebiet“ ist laut Weiss, dass man die Energieversorgung bauplatzübergreifend angehe. „Wir haben Tiefsonden geplant, die unter Baufeldern von Bauträgern errichtet werden, die nicht in unserer Sphäre liegen. Wir entwickeln dieses Gebiet, errichten die Infrastruktur und verkaufen dann einzelne Baufelder an gemeinnützige Bauträger“, erklärt Weiss: „Wenn vorab nicht geklärt ist, dass Bauträger zustimmen müssen, dass unter ihrem Baufeld Geothermiesonden errichtet werden, ist die Chance vertan.“

Klimaschutz und Energiewende bedingen einen Systemwechsel, pflichtet ihm sein Projektpartner Strebl bei: „Es ist nicht so, dass wir die Gaskraftwerke abschalten und stattdessen Photovoltaik einschalten.“ Es brauche viel stärkere Interaktion zwischen Erzeugern und Verbrauchern. Auch die Telekommunikationsinfrastruktur zwischen allen Teilnehmern des vernetzten Energiesystems sei entscheidend. Wärmepumpen werden etwa dann laufen, wenn die Sonneneinstrahlung am größten ist. Wenn ein Nachbar weniger Strom braucht als er produziert, kann der andere Nachbar den Überschuss kaufen – und umgekehrt.

Schwieriger als bei einem neuen Entwicklungsprojekt ist es allerdings, einen energiewirtschaftlichen Maßanzug für den Gebäudebestand zu schneidern. Rund 420.000 Gasheizungen gibt es etwa in Wien. Davon könne man rund ein Viertel ans Fernwärmenetz bringen, schätzt Strebl. Alternativ könne man Luftwärmepumpen am Dach anbringen. Das dort erhitzte Wasser lande dann genau an dem Punkt in der Wohnung, von wo aus die Wärme jetzt schon verteilt wird – nahe dem Kamin, wo die Gastherme hängt. Aber man könne oft auch mit Erdsonden arbeiten. Gibt es kleine Grünflächen oder Innenhöfe, ist Geothermie eine Option.

Vom Village erwarten ARE und Wien Energie Erfahrungen für die Zukunft. Irgendwann sollen die Maßanzüge zur Stangenware werden. „Alle Bauträger waren hochgradig interessiert an einer Energielösung“, sagt Weiss. Obwohl es für Bauträger die simpelste Lösung sei, einfach Fernwärme und das Stromnetz zu nutzen: „Die Zeiten, wo man die Betroffenen von grünen Lösungen überzeugen musste, sind vorbei.“

Quelle: Der Standard

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